Begegnung


Zunächst etwas zu meiner Person: Als Textilingenieur bin ich viel rum gekommen und von meinen fast 49 Berufsjahren waren 18 Jahre Auslandseinsätze. Davon waren vor allem die letzten 6 Jahre in der Türkei, eine tolle Zeit!
Bei den vielen Begegnungen mit dem Menschen dort wurde ich immer gefragt " Was - du willst in Rente gehen? Das kann doch nicht wahr sein! Du bis doch noch so aktiv und fitt, was willst du in Deutschland den ganzen Tag machen?“ Meine Antwort war immer: Gerade weil ich noch so gesund bin und denke, dass es sehr viele Menschen gibt, die ihren Alltag nicht mehr so geistig und körperlich selbständig bewerkstelligen können wie ich, möchte ich sie auf irgend eine Weise unterstützen.
In September 2004 war dann beruflich endgültig Schluss und Bünde hatte mich als Bürger wieder. Und Mitte Dezember 2004 wurde von mir der erste Kontakt zum Netzwerk" Bürger für Bürger "geknüpft. So nahm alles seinen Lauf.
Mir wurde u.a. die Begleitung einer männlichen Person angeboten, die nach einem Selbstmordversuch die Diakoniestation um Hilfe gebeten hatte. Im Umgang nicht einfach, in seinem Umgangston teilweise militärisch, sei er außerdem noch ein starker Raucher!
Am 06. Januar 2005 war es dann so weit und es kam zum ersten Kennenlernen. Frau Gabriele Sudbrock (stellvert. Leitung der Diakoniestation) traf sich mit mir vor der Wohnungstür von Herrn K: Doch o-Schreck, er zog gerade um und das Gespräch fand zwischen den ganzen Umzugskartons statt, aber wir vereinbarten weitere Treffen .Ich merkte bald, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und Herr K. in mir einen Zuhörer gefunden hat, dem er seine ganzen Kriegserlebnisse, Familiengeschichten, Krankheiten und … und …und erzählen konnte. Man darf dabei nicht vergessen, dass er sehr stark suizidgefährdet war und ich immer bedacht sein musste, die Balance in unseren Diskussionen zu halten.
Seine Ehefrau war im Pflegeheim und wurde künstlich ernährt, bis sie 2006 verstarb. Zu seinen einzigen Sohn hatte er keinen Kontakt mehr, sein Gesundheitszustand war labil und seine Medikamenteneinnahme enorm! Wir hatten vereinbart, dass ich am Montag und Donnerstag gegen 10 Uhr käme und wir dann alle angefallenen Probleme gemeinsam besprechen.


Aber aus einer Besuchsstunde wurden schnell mehr.
Problematisch wurde die Situation vor allem, als deutlich wurde, dass die gute Bekannte, mit der Herrn K. eine enge, aber auch sehr spannungsreiche Beziehung verband, gesundheitlich und geistig immer mehr abbaute, jede Hilfe jedoch kategorisch abgelehnte: Sie könne alles alleine!
Angesichts zunehmend unhaltbarer Zustände war meine Betreuung in dieser Phase manches Mal frustrierend und der Zeitaufwand erheblich. Aber die Erfolge überwogen und alles, was ich unternahm, hatte ich mir auch selber auf die Fahne geschrieben. Ruhiger wurde es wieder nachdem die Bekannte in einer Seniorenresidenz in der Nähe ihrer Tochter untergebracht war.
„Darf ich vorstellen - mein Sekretär - ohne diesen wäre ich aufgeschmissen." So hat Herr K. mich Außenstehenden vorgestellt.
Da Herr K. nie gerne alleine war, gelang es mir schließlich über Annoncen, noch mehr Gesellschaft für Herrn K. zu organisieren und dieletzten gut anderthalb Jahre sahen dann täglich für Herrn K. so aus: Gegen 8 Uhr kam die Hauswirtschafterin und mache das Frühstück, bereitete die Tagesmedizin vor und machte das Bett. Gegen 12 Uhr war sie erneut da und bereitete das Mittagessen vor, danach stand die Wohnungsreinigung auf dem Programm, Medizin aus den Apotheken holen, Wäsche waschen und bügeln, einkaufen .... . Von 16 – 18.00 Uhr kam die erste Unterhalterin, um 18 Uhr 30 kam erneut jemand, dann bis 20 Uhr30.
Eine meiner letzte Einsätze für Herrn K. war die Abholung eines Sauerstoffgeräts und ich sehen ihm noch im Sessel sitzen, am Sauerstoffgerät angeschlossen und eine Zigarette rauchend.
Anfang März 2008 wurde Herr K. zum wiederholtem Male ins -Krankenhaus eingewiesen und von dort in ein Seniorenzentrum verlegt. Dort verstarb er dann Ende März 2008
So - und jetzt stehe ich wieder für neue Taten zur Verfügung und hoffe, dass ich meine Lebenserfahrung mit jemandem teilen kann und dass dieser Jemand durch mich Hilfe erfährt. Meine Lebensphilosophie lautet: Vor Gott sind alle Menschen gleich und mit dieser Einstellung bin ich bis jetzt immer gut gefahren.

Klaus Böhnke, Bünde / Bad Oeynhausen