Wenn Du mal . . .

„Wenn du mal nicht mehr berufstätig bist,…

dann schenkst Du etwas von deiner Freizeit einem älteren, einsamen oder behinderten Menschen!“ Das hatte ich mir immer wieder vorgenommen, wenn ich als Prophylaxe-Assistentin eines Zahnarztes regelmäßig mitbekam, dass alte, in ihrer Beweglichkeit eingeschränkte Menschen manchmal tagelang mit Zahnschmerzen oder einer kaputten Prothese warten mussten, bis jemand Zeit fand, sie zum Zahnarzt zu begleiten. Schon damals stand für mich fest: Da wirst du mal helfen!
Und heute bin ich, inzwischen selbst 62 Jahre alt, schon seit vier Jahren beim Netzwerk kleiner Hilfen in Rödinghausen aktiv.
Meine erste Begleitung betraf eine Alzheimer Patientin, die mir bei den wöchentlichen Besuchen ganz viel aus ihrem früheren Leben erzählte: von ihrer Arbeit, ihren drei Töchtern und den vielen belastenden Kriegsereignissen. Es war immer das selbe, was ich in den zwei Stunden zu hören bekam, aber ich merkte auch, wie gut ihr das tat, von früher zu erzählen, denn die Gegenwart war für sie ja nicht mehr präsent. Und im Gegensatz zu den Familienangehörigen, die diese Geschichten schon lange.. .lange… kannten, war es für mich ja auch etwas Neues. Sie bedankte sich immer ganz doll und fragt, ob ich denn „morgen“ wiederkäme, ein Zeichen, dass ich mit meinen zwei Stunden Zuhören einem liebenswerten Menschen den Tag etwas verschönern konnte.
Später besuchte ich eine ältere Dame von 96 Jahren, die ganz allein im Hause wohnte, aber rührend von ihrer Tochter betreut wurde. Von ihr habe ich viel gelernt.



Jeden Montag um 10.00 Uhr erwartete sie mich und hatte sich schon etwas ausgedacht, worüber wir diesmal sprechen konnten: mal die Geschichte der Zigarrenmacherinnen aus der Region, in einem Heftchen von ihr niedergeschrieben, mal eine uralte Nähmaschine mit dazu gehörigem Geschichtsmaterial, mal die Briefe ihres Vaters, die er im ersten Weltkrieg nach Hause geschickt hatte und die sie in feinster Lateinschrift für ihre Kinder und Enkel abgeschrieben hatte. Ein anderes Mal lag ein Taufkleid bereit, 100 Jahre alt, natürlich samt Heftchen mit der dazugehörigen Geschichte! Für mich als Großstädterin (ich stamme aus dem Ruhrgebiet) einfach riesig! Wir haben auch viel gesungen, denn sie konnte alle Wander-, Kinder- und Kirchenlieder mit sämtlichen Strophen auswendig.
Tolle Erlebnisse und einmalige Erinnerungen, die mir bleiben und an die ich gerne denke! …
Wenn ich nach Hause komme, fragt mein Mann, wie es war. Dann erzähle ich dies und das, doch alle privaten und persönlichen Dinge lasse ich dort im Haus. Kommen Probleme, so haben wir unser monatliches Frühstückstreffen und da kann alles besprochen bzw. geklärt werden.
Für das nächste Treffen haben wir uns ein Thema gewünscht: Frau Potthoff, die Pastorin der Diakoniestationen wird über Depressionen referieren. Somit haben wir auch immer die Gelegenheit, etwas Neues zu erfahren und kennen zu lernen. Auch Besichtigungen haben wir in der Gruppe schon gemacht, zuletzt z.B. eine Führung durch den Friedwald im Kalletal.
Ich würde mich freuen, wenn noch viel mehr Damen und Herren wöchentlich oder vierzehntägig zwei Stunden verschenken würden. Vielen Dank1

Ulla Bollmann, Rödinghausen